WAS EIN GUTER LEBENSLAUF NICHT ZEIGT
- Maik Geletneky

- 29. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Wie ich einen CEO-Kandidaten in 30 Minuten disqualifiziert habe.
Der CV war stark. Kein Zweifel daran.
Sauberes C-Level-Layout. Die richtigen Stationen, die richtigen Titel. Wer die Anforderungen des Mandats kannte, fand im Lebenslauf jeden Schlagwort wieder: Marktentwicklung, Produktpositionierung, internationale Expansion, P&L-Verantwortung. Auf dem Papier passte dieser Kandidat besser als die meisten anderen, die ich in diesem Mandat gesehen hatte.
Dann saßen wir im Gespräch.
DREISSIG MINUTEN
Ich führe kein HR-Interview. Kein Gespräch über Führungsstil, keine Frage nach dem Fünfjahresplan. Ich frage nach dem Markt. Nach den Mitbewerbern. Nach der Technologie. Nach dem Geld.
Die erste Frage war direkt: Wie würden Sie das Produkt dieses Unternehmens im Markt positionieren? Womit konkret gegen die stärksten Mitbewerber abgrenzen?
Stille.
Was dann kam, enthielt viele Worte und wenig Inhalt. Der Markt war bekannt, ja. Aber nur aus der Vogelperspektive. Die Mitbewerber kannte er dem Namen nach. Ihre Produktphilosophie, ihre Preispositionierung, ihre technischen Stärken und Schwächen: unbekannt.
DER MARKT IST KEIN SCHLAGWORT
In der Fahrradindustrie ist Marktkenntnis keine Frage des Interesses. Sie ist Voraussetzung.
Ein CEO, der ein Produkt positionieren soll, muss wissen, womit Wettbewerber ihre Margen machen. Er muss verstehen, wo ein anderes Antriebskonzept oder ein anderes Preissegment echte Differenzierung schafft. Und wo es sich nur so anfühlt.
Das war nicht vorhanden. Jede konkrete Frage zeigte dasselbe Bild: Der Kandidat konnte über Produktpositionierung sprechen. Aber nicht aus eigener operativer Erfahrung.
VERTRIEB IST KEINE THEORIE
Zur Positionierung gehört die Vertriebsfrage. Und die ist in der Fahrradindustrie alles andere als trivial.
Welche Zielgruppe soll erreicht werden? Über welchen Kanal? B2B bedeutet Fachhändler, Distributoren, Orderprozesse und Margenteilung. D2C bedeutet direkte Kundenbeziehung, volle Marge, aber auch volle Verantwortung für Service, Retouren und Kundenbindung. Die Kombination aus beiden ist möglich – aber nur dann, wenn ein Kooperationsmodell entwickelt wird, das für beide Seiten profitabel und wertschätzend ist. Das setzt voraus, dass man weiß, wie Handel funktioniert und was ihn bewegt.
Wer das nicht aus eigener Erfahrung kennt, unterschätzt die Konsequenzen jeder Entscheidung.
Dazu kommt die Frage nach der Phase, in der sich die Marke befindet. Ist sie im Aufbau? In der Markteinführung? In einer Restrukturierung? Oder in der Stabilisierung nach einer Krise? Jede Phase stellt andere Anforderungen an Führung, Vertrieb und Ressourceneinsatz. Was in der Aufbauphase funktioniert, kann in der Restrukturierung falsch sein. Was eine etablierte Marke stabilisiert, kann eine junge Marke lähmen.
Das lässt sich nicht aus Büchern lernen. Dafür braucht man gelebte Praxis.
Auch das fehlte. Der Kandidat konnte die Phasen benennen. Er konnte sie nicht einordnen.
WAS PRODUKTION WIRKLICH BEDEUTET
Weiter im Gespräch, Richtung Produktion und Supply Chain. Hier wurde der Abstand am deutlichsten.
Ein CEO muss kein Produktmanager sein. Er muss keine Rahmengeometrie berechnen. Aber er braucht genug Verständnis, um valide Entscheidungen treffen zu können.
Das heißt: Er sollte einschätzen können, welche Montagebetriebe in welchen Ländern für welche Qualitätsklassen geeignet sind. Was eine falsche Standortentscheidung kostet. Wie sich Logistik, Zoll und Vorlaufzeiten auf die Kalkulation auswirken. Und ob ein Betrieb vor Ort die notwendigen Voraussetzungen für die geforderte Qualität überhaupt erfüllt.
Dazu gehört ein grundlegendes Verständnis für Parts, Motoren und Regularien. Nicht um selbst zu spezifizieren, sondern um die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten einordnen zu können.
Und dann ist da noch das Produktionsmodell. Close Book oder Open Book: eine strategische Entscheidung, keine technische. Sie betrifft Qualitätsklasse, Margenstrategie und Innovationskontrolle. Ein CEO sollte wissen, was der Unterschied ist.
Das alles war beim Kandidaten nicht vorhanden.
WAS TREASURY WIRKLICH BEDEUTET
Die nächste Frage galt dem Geld.
Die Fahrradindustrie ist kapitalintensiv. Vororder bedeutet: Liquidität binden, bevor ein einziges Rad verkauft ist. Wer das nicht aus eigener Erfahrung kennt, führt dieses Geschäft blind.
Cash-Flow, Working Capital, Finanzbedarf in der Wachstumsphase. Diese Begriffe kamen im Gespräch vor. Als Worthülsen.
Ich fragte konkreter. Wie kalkulieren Sie den Finanzbedarf für eine Modelljahrplanung? Was passiert mit dem Working Capital, wenn der Orderschluss drei Monate vor Auslieferung liegt?
Die Antworten zeigten: Treasury war Wissen aus zweiter Hand. Wirtschaftliche Grundkenntnisse im Bereich Finanzierung und Investitionen fehlten auf dem Niveau, das diese Position verlangt.
WAS DER KANDIDAT KONNTE
Hier ist der Teil, den viele Personalberater weglassen. Ich nicht.
Dieser Kandidat hatte echte Stärken. Er war nicht ungeeignet. Er war falsch platziert. Meine Empfehlung war klar: nicht für dieses Mandat. Aber mit einer konkreten Einschätzung, welche Art von Position zu ihm passt.
Das ist kein Scheitern. Das ist ein Match, der nicht gepasst hat.
WARUM DREISSIG MINUTEN REICHEN
Ein klassischer HR-Prozess hätte diesen Kandidaten in die nächste Runde gebracht. Der CV ist stark. Die Schlagworte stimmen. Die Präsentation ist professionell.
Was dabei nicht sichtbar wird: ob jemand wirklich in einem Markt gearbeitet hat oder nur über ihn gelesen. Ob Treasury gelebt wurde oder nur zitiert. Ob Produktpositionierung operative Erfahrung bedeutet oder nur strategische Folien.
Ich erkenne das in dreißig Minuten. Nicht weil ich ein besserer Interviewer bin. Sondern weil ich die Fragen stelle, die nur jemand stellen kann, der die Position aus der eigenen Praxis kennt.
Das nennen wir bei Sentinel Sports das Substanz-Interview.
Kein Abgleich von Schlagworten aus dem Lebenslauf. Kein Gespräch auf Basis einer Stellenbeschreibung. Sondern ein Interview aus eigener Praxis, auf Augenhöhe – mit Fragen, die nur jemand stellen kann, der die Position aus der eigenen Praxis kennt. Fragen, die hinter den Vorhang schauen. Und die in dreißig Minuten zeigen, was ein klassischer Auswahlprozess ohne Insider-Perspektive in drei Runden nicht sieht.




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